Die Forscher beschlossen, zur Desinfektion ultraviolettes Licht, und zwar UV-C-Licht, einzusetzen. Studien hatten nachgewiesen, dass Viren durch UV-C wirksam abgetötet werden. Außerdem konnten die Leuchtmittel online bestellt werden. Um vier Leuchtstoffröhren vertikal auf der Roboterbasis anbringen zu können, bauten sie einen Rahmen aus normalen PVC-Kunststoffrohren, die sie im Baumarkt kauften. Der Gleichstrom aus der Batterie des Roboters musste in Wechselstrom für die Leuchtmittel umgewandelt werden. Hierfür nutzte das Team handelsübliche Bauteile, die in einer Sperrholzkiste unter den Leuchtstoffröhren untergebracht wurden.
Als der Roboter schließlich Gestalt angenommen hatte, gaben die Forscher ihm den Namen „Rey“ – in Anlehnung an die Heldin der letzten drei Star-Wars-Filme. „Wir haben uns für diesen Namen entschieden, weil die Leuchtmittel wie Lichtschwerter aussehen. Außerdem klingt ‚Rey‘ wie das englische Wort ‚Ray‘, das auf Deutsch ‚Strahl‘ bedeutet und an einen Lichtstrahl erinnert“, so Pierson.
Eine effizientere Route
Als nächstes kam der komplizierte Teil: Es musste eine Software für maschinelles Lernen entwickelt werden, welche die Navigation des Roboters übernehmen sollte. Die Forscher konnten allerdings nicht einfach eine festgelegte Route durch das Lager programmieren, denn in den fünf Gängen der Halle standen jeden Tag Paletten, Kisten, Gabelstapler und Transportwagen an unterschiedlichen Stellen. Es war aber auch nicht möglich, den Roboter einfach so zu programmieren, dass er irgendeine Route verfolgt, denn bei einer ineffizienten Route wäre sein Akku leer, bevor die Desinfektion abgeschlossen ist.
Pierson fand eine Lösung: Die Software für das maschinelle Lernen wurde mit Bildern von beweglichen Hindernissen, wie etwa Paletten, und unbeweglichen Hindernissen, zum Beispiel Wänden oder Regalreihen, wiederholt trainiert. So lernte sie, die unterschiedlichen Blockaden voneinander zu unterscheiden. Als der Roboter dann in der Lagerhalle seinen ersten Einsatz hatte, konnte er einfach herumfahren und dank seiner Kamera allen Hindernissen ausweichen. Gleichzeitig erstellte er eine Karte der Hindernisse und erkannte, welche von ihnen beweglich und welche unbeweglich waren. Anschließend war er in der Lage, auf Basis der unbeweglichen Hindernisse eine möglichst effiziente Route durch die Gänge zu planen. Wenn er auf ein bewegliches Hindernis stieß, umging Rey dieses und wählte den Weg, der am wenigsten von seiner normalen Route abwich. „So konnte Rey Umwege effizient meistern, ohne dass er eine ganz neue Route planen musste“, so Pierson.
Reinigungsroboter im Walmart, August 2020. (Quelle: Orlowski Designs LLC / shutterstock.com)
Auch die Geschwindigkeit war ein entscheidender Faktor. Veröffentlichte Studien hatten gezeigt, wie viele Sekunden erforderlich sind, damit UV-C-Licht in einer bestimmten Intensität und einem bestimmten Abstand Viren auf Oberflächen fast vollständig abtöten kann. Anhand der Leistungsstärke von Reys Leuchtröhren konnten die Forscher somit berechnen, mit welcher Geschwindigkeit der Roboter durch die 10 Meter langen Gänge fahren musste, damit gewährleistet ist, dass alle abgepackten Lebensmittel in den Regalen genug Licht für eine wirksame Desinfektion erhalten.
Die Berechnungen ergaben, dass der Roboter in der Sekunde 10 Zentimeter zurücklegen musste, was jedoch bedeutete, dass Rey kaum genügend Zeit für seine Arbeit hatte, bevor er wieder aufgeladen werden musste. Um die verfügbare Zeit also effizienter zu nutzen, brachte Pierson dem Roboter einen weiteren Machine-Learning-Trick bei: Er lernte, leere Regale zu erkennen, damit er daran schneller vorbeifahren und mehr Zeit mit der Desinfektion von Gegenständen verbringen konnte, die dies benötigten. „Menschen erkennen selbstständig, wenn ein Bereich leer ist, aber ein Roboter muss dieses Konzept erst erlernen“, so Pierson.
Kein Job für Menschen
Das Risiko, dass ihm der Saft ausgehen könnte, war allerdings nicht der einzige Grund, warum es wichtig war, dass Rey in der Morgendämmerung wieder zurück in seine Aufladestation musste. UV-C-Strahlung ist ausgesprochen schädlich für Menschen und zerstört unsere Zellen. Schon wenige Sekunden Strahlung aus Reys Leuchtröhren würden die empfohlene maximale Expositionsdauer des Menschen überschreiten. Um sicherzustellen, dass Mitarbeiter, die abends länger arbeiten oder morgens früher anfangen, Rey nicht aus Versehen über den Weg laufen, programmierte das MIT-Team die Alarmanlage des Gebäudes daher so, dass Rey eine Benachrichtigung erhält, wenn der Alarm ein- oder ausgeschaltet wird. So wird Rey nur dann aktiviert, wenn die letzten Person, die abends das Gebäude verlässt, den Alarm einschaltet. Und sobald die erste Person, die morgens eintrifft, den Alarm wieder ausschaltet, wird der Roboter deaktiviert. Das bedeutet: Solange der Alarm ausgeschaltet ist, sich also noch jemand im Gebäude befindet, kann Rey seine desinfizierenden Strahlen nicht aussenden.
Das Lichtspektrum nach Wellenlängen. (Quelle: ritsalak - stock.adobe.com)
Der Roboter wird nun seit mehreren Monaten erfolgreich in der Greater Boston Food Bank eingesetzt und verrichtet seine Arbeit perfekt. Vor kurzem zeigten die Mitarbeiter, wie sehr sie Reys Arbeit schätzen, indem sie ein Bild des Roboters an der Fotowand des Personals im Eingangsbereich aufhängten. Mittlerweile setzen sich die MIT-Forscher zusammen mit Ava dafür ein, auch anderen Organisationen bei Bedarf Desinfektionsroboter zur Verfügung zu stellen, so beispielsweise Schulen und Krankenhäusern. „In diesem Fall nimmt der Roboter niemandem den Job weg, denn Menschen könnten diese Arbeit gar nicht risikofrei ausführen“, so Pierson. „Hier geht es vielmehr darum, die Gesellschaft mithilfe von KI-Algorithmen und Robotik zu unterstützen.“ 